Stephan Lamprecht

STEPHAN LAMPRECHT – Stephan Lamprecht kann nicht Tennis spielen. Seit 2009 tut er es trotzdem, mit großer Freude. Beinahe jedoch hätte der 38-Jährige seine späte Laufbahn abrupt beendet. Nach dieser unfassbaren Bemerkung, die ihm Christoph Kellermann in einer Trainingsstunde entgegenschleuderte. „Du spielst“, hatte der sonst so sympathische Coach angemerkt, „wie Ivan Lendl.“ Stille. Hatte Stephan richtig gehört? Ivan Lendl? Wie konnte er nur! Wusste der Coach denn nicht, was damals war?! Damals, am 6. Juli 1986, sitzt ein achtjähriger Junge im Wohnzimmer vor dem Fernsehgerät und verfolgt gebannt einen Kampf: Einerseits den eigenen gegen einen Milchzahn, der sich gelockert hatte, andererseits den Kampf von Boris Becker gegen Ivan Lendl im Finale von Wimbledon. Der Leimener hatte den Tschechen, den alle nur »Ivan, den Schrecklichen« nannten, so fest im Griff wie Stephan sein wackelndes Beißerchen. So fest, dass »Bum Bum« sogar, am Boden liegend, einen verloren geglaubten Punkt für sich entscheiden kann. Ein magischer Moment.

Tennis für Behinderte? Fehlanzeige.

Das Gute siegte am Ende über das Schreckliche, der zweite Grand-Slam-Erfolg konnte verbucht und der exakt zum Matchende gelöste Milchzahn des kleinen Becker-Fans in ein Holzdöschen verfrachtet werden. Wer Milchzähne verliert, wird erwachsen. Wer erwachsen wird, muss sich Gedanken über seine Zukunft machen. Stephans Entschluss stand fest: Tennisprofi! Klar, als Spastiker würde das nicht einfach werden. Aber für Lendl, den man selbst im Liegen noch bezwingen konnte, würde es schon reichen. Milchzähne fallen von selbst aus, andere müssen schmerzhaft gezogen werden: Stephans Karriere geriet sehr bald ins Stocken. Tennis für Behinderte – Fehlanzeige. Der glühende Becker-Verehrer – verdammt zum Zuschauen – konnte nur die jeweiligen Gegner des »Roten Barons« inständig hassen. Folglich auch Lendl, diesen furchterregenden, verbissenen, von grundauf unsympathischen Kerl.

23 quälende Jahre des Wartens

Rollstuhltennis, so dachte Stephan, das gibt es wohl bestenfalls in Düsseldorf, Berlin oder Hamburg. Ganz sicher nicht in Datteln, Erkenschwick oder in: Waltrop! Dort hatte doch tatsächlich jemand eine Anlage für Rollstuhltennis eröffnet. 23 quälende Jahre des Wartens hatten endlich ein Ende! Was Coach Chris wohl sagen würde?! Sandplatz-Spezialist? Oder doch eher Rasenkönig mit Hardcourt-Affinität? Potenzial für drei oder gar fünf Grand-Slam-Titel? Der Coach sagt: „Du spielst wie Ivan Lendl.“ Die Höchststrafe! Ausgerechnet Lendl! Wie konnte er nur! „Du spielst wie Ivan Lendl – kein Talent, aber ein echter Malocher!“ Na, das war doch wohl die Höhe! Das war… im Grunde ein Kompliment! Ja, langjährige Nummer Eins der Welt, achtfacher Grand-Slam-Sieger. Ein Spieler, der eine Ära prägte und selbst bei Niederlagen Größe bewies. Wie am 6. Juli 1986! Nach hartem, aber stets fairem Kampf gegen einen rotblonden Rotzlöffel, der sich respektlos auf den heiligen Rasen schmeißt, verliert Lendl beim »Turnier der Turniere«, bleibt dabei ruhig und freundlich. Ein Gentleman des Sports. Kurzum: ein Idol. Auch für Stephan.