Regina Isecke †

REGINA ISECKE – Ihr Leben hatte sie voll und ganz dem Sport gewidmet und Motivation, Ehrgeiz und Siegeswillen haben sie mehr als 30 Jahre auf höchstem Leistungsniveau geprägt und begleitet. Als junges Mädchen waren Schwimmen, Judo und Rudern ihre sportliche Leidenschaft, danach Tennis – immer sehr erfolgreich. Im Jahre 1971 erlitt sie bei einem unverschuldeten Unfall eine komplette Querschnittslähmung. „Von da an konzentrierte ich mich auf den Hochleistungs-Rollstuhlsport. Die Anfänge meiner sportlichen Karriere als Rollstuhlfahrerin begannen mit Tischtennis, wo ich in meiner Klasse mehrfach die deutsche Meisterschaft erringen konnte. Es folgte die Leichtathletik mit Kugelstoßen und Schnellfahren, dann vier Jahre lang Wettkampfschwimmen. In allen Sportarten konnte ich unzählige Medaillen gewinnen.“

Im Basketball alles abgeräumt

Im Jahre 1972 begann Iseckes erfolgreichste Zeit mit Rollstuhl-Basketball und dem Eintritt in die Deutsche Rollstuhl-Basketball-Nationalmannschaft. „In über 16 Jahren als Nationalspielerin gewann ich zweimaliges Paralympisches Gold, fünf Weltmeisterschaften und mehrmalig die Europameisterschaft. 1988 trat ich zurück und fand eine neue Herausforderung im Rollstuhltennis. Zehn Jahre lang war ich als Deutsche Meisterin an der nationalen Spitze.“

Silbernes Lorbeerblatt der Bundesrepublik

Bei den Paralympics 1992 in Barcelona erkämpfte die Pulheimerin in der Einzeldisziplin die Bronzemedaille sowie den fünften Platz bei den Paralympics in Atlanta. 1984 und 1993 wurde ihr durch den jeweiligen Bundespräsidenten sogar das Silberne Lorbeerblatt für besondere Leistungen sowohl im Rollstuhl-Basketball als auch im Rollstuhltennis verliehen. Nach dieser sehr turbulenten und erfolgreichen Sportkarriere war es lange Jahre ihr innigstes Bestreben, Kinder und Jugendliche an das Rollstuhlttennis heranzuführen, sie zu fördern und sie in die Gesellschaft des Miteinander-Tennisspielens auf Tennisanlagen und in Tennisclubs zu integrieren. Ihr vielfältiges Wissensspektrum gab sie gern und von Herzen an ihre jungen Schüler weiter, arbeitete mit Leidenschaft mit der jungen Generation und engagierte sich für diverse Rollitennis-Sportprojekte. So blieb sie ihrem Lieblingssport immer treu. „Dem Sport habe ich in meinem turbulenten Leben ungemein viel zu verdanken. Mit Leidenschaft gebe ich Einiges zurück“, sagte Regina Isecke im Mai 2015.

Am 26. Juni 2015 verstarb Regina Isecke nach schwerer Krankheit.

Liebe Regina,

immer wenn Du für ein paar Sekunden die Augen zu gemacht und Deinen Kopf leicht in den Nacken geworfen hast, wusste man, dass Du den Moment genießt. Meist waren es Situationen, die relativ unspektakulär waren: ein gutes Essen vielleicht, ein Glas Dornfelder – oder gute Musik. Am besten live. Unzählige Bilder und Situationen habe ich im Kopf, denke ich an die gemeinsame Zeit mit Dir. Momente, die für immer im Gedächtnis bleiben. Momente, die Dich ebenso kurz und bündig wie treffend beschreiben, Dich, die es gehasst hat zu verlieren – egal in welcher Sportart, gegen welchen Gegner oder bei welcher Art von Spiel.

Ich erinnere mich an einen Spieleabend mit Rollikids, wo Du es als Gastgeberin beim abschließenden Dartturnier als Selbstverständlichkeit ansahst, Dein Team zum Sieg zu führen. Selten wurde ein charmant geselliger Abend derart abrupt beendet, weil Deine Pfeile nicht das Ziel fanden, Du unbelehrbare Dickköpfin.

Ich erinnere mich an eine Players Party in Oberhausen, wo Du den mit Abstand schlechtesten Elvis-Imitator der Welt engagiert hattest, dies aber im Leben nie zugegeben hättest. Dein Motto: Niemals eine Schwäche zeigen. Nicht nur bei der Bewertung dieses besagten »Show-acts« hattest Du eine sehr exklusive Meinung. Auch sonst oft, Du stolze Besserwisserin. Die Meinung Dritter oder Vierter war für Dich selten relevant. Immer mit dem Kopf durch die Wand.

Auch dem Schicksal wolltest Du Dich nicht ergeben. Satte 44 Jahre lang hast Du der Fügung die Stirn geboten und mit dem Rollstuhl einen Pakt geschlossen. Das alles in der Dir eigenen Art. Damit musste man nicht immer klar kommen. Oft, ja sehr oft, hat es um Dich herum gekracht. Auch meinen Geduldsfaden hast Du zugegebenermaßen mehr als einmal strapaziert. Und doch kann man mit Fug und Recht behaupten, dass Dich all diese Eigenschaften genau das erreichen ließen, was Du in Deinem turbulenten Leben auf die Habenseite schaffen konntest: unzählige deutsche Meistertitel, Europameisterschaften, Weltmeisterschaften, Paralympische Medaillen, hochrangige Funktionärsposten – alles an dieser Stelle aufzulisten würde den Rahmen sprengen.

Für Dein außergewöhnliches Engagement und Deine Repräsentanz des deutschen Volkes wurde Dir im Namen des Bundespräsidenten das »Silberne Lorbeerblatt«  verliehen. Viel mehr geht nicht. Natürlich hast Du hierbei stets polarisiert und nicht nur Freunde um Dich geschart. Auch viele Neider hast Du auf den Plan gerufen. Die aber haben Dich in Deinem Tun und Handeln nie blockiert. Eher motiviert. Wie oft warst Du Vorreiterin für richtungweisende neue Dinge, Du Revolutionärin. Oft kopiert, doch nie erreicht. Durchgesetzt hast Du Dich. Gegen alle Widerstände. Du unnachgiebige Rebellin.

Du und ich. Irgendwie vom selben Schlag. Von Beginn an blind vertraut. Wir haben uns gestützt und auch gerieben. Verloren uns kurzzeitig aus dem Blick, aber nie aus dem Sinn. Die vielen Gespräche mit Dir waren stets geprägt von Initiative und haben mich sensibilisiert für die wirklich wichtigen Dinge im Leben, Du großartige Motivatorin.

Kurzum: ich habe Dir – auch und vor allem weit über das rote Aschenrechteck hinaus – sehr viel zu verdanken. Der erste Händedruck im Jahr 2004 in Hamm und unser letztes gemeinsames Essen vor wenigen Wochen in Köln werde ich nie vergessen. Bei einem Glas Kölsch hatten wir uns erst kürzlich wieder auf den Stand der Dinge gebracht, uns ausgesprochen. Selten zuvor hatte ich Dich so entspannt und aufgeräumt erlebt. Das Radio spielte wie für diesen Moment bestellt deinen Lieblingssong: »Turn back the clocks«. Deine für einige Sekunden geschlossenen Augen verrieten mir die Bedeutung dieses Moments. Das macht mich stolz. Sehr stolz. Nun hast Du Deine Augen wieder geschlossen. Diesmal für immer. Leise, aufgeräumt und unspektakulär bist Du fort. Das Ganze will noch nicht wirklich in meinen Kopf. Wie es Deine Art war, wirst Du auch auf der unfreiwilligen Zielgerade deines Lebens Regie geführt haben. Ganz sicher. Denn: niemals hättest Du zugelassen, dass Dich das Schicksal leiden lässt. Ich verneige mich vor Dir und sage DANKE für alles. Ich bin stolz, dass ich Dich ein Stück begleiten durfte.

Dein Christoph