Claudia Fornefeld †

CLAUDIA FORNEFELD – 1971. In Wimbledon gewinnen die Australier John Newcombe und Evonne Goolagong. In Deutschland werden der Schwimmer Hans Fassnacht und die Leichtathletin Ingrid Mickler-Becker zu den »Sportlern des Jahres« gekürt. Tennis fristet in der Bundesrepublik Deutschland eher ein Schattendasein, irgendwo zwischen Randsportart und elitärem Freizeitvergnügen. Noch. Denn 1971 wurde der Grundstein für eine Weltkarriere am Filzball gelegt, nicht in Brühl oder Leimen, sondern im Herzen des Ruhrgebiets.

Nervenschädigung ändert alles

Als Claudia Fornefeld im besagten Jahr erstmals eine Tennishalle in ihrem Heimatort Gelsenkirchen betrat, war an Spitzensport allerdings nicht zu denken. Auf eher kuriose Weise war die damals 13-Jährige zum »weißen Sport« gekommen. Ihre Schwester hatte zuvor im Urlaub einen Tennisspieler kennen gelernt, wollte nun unbedingt selbst diese Sportart ausüben. Und nicht nur sie. „Alles, was meine Schwester machte, wollte ich auch“, erklärt Claudia lachend. Also: Tennis lernen. Der Trainingsplatz, er lag nur 500 Meter vom Wohnhaus der Familie entfernt. Beste Voraussetzungen. Schritt für Schritt lernte Claudia die Grundschläge und bewies Ausdauer; blieb sie doch – durchaus ungewöhnlich für einen Teenager – in allen Lebensphasen dem Ballsport treu. 30 Jahre lang spielte die Lehrerin Tennis – als Fußgängerin. Dann der Umbruch: Eine Nervenschädigung führte zu einem inkompletten Querschnitt.

„Sport ist mein Leben!“

Ab 2005 war Claudia Fornefeld auf den Rollstuhl angewiesen. Keine einfache Situation, erst recht für jemanden, der Sport und Mathematik unterrichtete und der von sich sagte: „Sport ist mein Leben.“ Doch Claudia resignierte nicht, sondern stellte sich um. Während eines Krankenhausaufenthalts lernte sie in der zugehörigen Turnhalle Basketball, Bogenschießen und Tischtennis kennen – nun im Roll-stuhl. Tennis kehrte 2008 in ihr Leben zurück. In der Zeitung las Claudia von der »BREAKCHANCE«-Initiative. Sie nahm Kontakt zu Christoph Kellermann auf. Von der Fußgängerin zur Rollifahrerin, das ist auch auf dem Court eine Umstellung. „Früher habe ich von meiner guten Beinarbeit profitiert. Nun muss ich schlagen und fahren. Der Rollstuhl muss immer in Bewegung sein. Dabei steht man mitunter mit dem Rücken zum Gegner, schnelle Turns sind wichtig.“ Claudia erwies erneut Ausdauer und wurde belohnt. Bereits ein Jahr später spielte sie ITF-Turniere, reiste durch Europa. Drei Titel im Doppel und einer im Einzel bei einem Turnier in Südfrankreich standen bislang auf ihrer Haben-Seite. Überbewerten mochte sie diese Erfolge aber nicht. Der Weg in die Weltrangliste sei im Rollstuhltennis aufgrund der kleineren Spielerzahl einfacher als bei den Fußgängern. Dennoch: Platz 39 im Einzel und Rang 25 im Doppel -Claudias Career-High – bekommt man auch im Behindertensport keinesfalls geschenkt. Und dann war da noch der familieninterne Triumph: Claudia Fornefeld hatte ihre Schwester, die sie einst zum Tennis brachte, längst überflügelt: „Meine Schwester hat nur noch sporadisch gespielt, war eher Schwimmerin. Die Sportlerin in der Familie war ich…“

Claudia Fornefeld verstarb 2013 nach langer, schwerer Krankheit.

Liebe Claudia!

Nun hast Du ihn also verloren, Deinen letzten großen Kampf. Der Gegner war für Dich kein Unbekannter. Auch hätte er mächtiger nicht sein können und doch hast Du ihm in den vergangenen neun Jahren mehrfach die Stirn geboten. Auf jedes Break hast Du ein Re-Break folgen lassen, doch zum Schluss hat die Kraft offenbar nicht mehr gereicht. Aber wer Dich kennt, der weiß, dass Du auch in diesem Kampf ganz sicher keinen Ball verloren gegeben hast. Wie es Deine Art war, hast Du immer an Deine Chance geglaubt. Wer Dich auf dem Platz besiegen wollte, der musste – um sicher zu gehen – jeden Punkt zweimal machen.

Dein unfassbarer Ehrgeiz, Deine unbändige Lebensfreude, Deine unerschütterliche Zuversicht und Dein gnadenloses Selbstvertrauen – all dies waren die Garanten, dass Du trotz aller Schicksalsschläge immer wieder den Weg zurückfinden konntest. Nun bist Du schon mal vorgegangen und für eine Weile werden wir uns nicht sehen. Natürlich macht uns das alle sehr traurig. Gleichwohl denke ich just in diesem Moment an die vielen schönen Augenblicke, die ich mit Dir erleben durfte.

Als erstes habe ich die Farbe Pink vor Augen, wenn ich an Dich denke. Dein Lebensmotto: »Think Pink! – Denke positiv!« Ich denke an die Trainingsmatches, in denen ich mich im Rollstuhl mit Dir duellierte und die ich allesamt gnadenlos verlor. Ich denke an die Stoppbälle, die du reihenweise spieltest, wohl wissend, dass an meinem Stuhl beide Reifen platt waren. Ich denke an die legendäre »Fornefeld-Faust«, die Du nicht selten auch bei einem glücklichen Netzroller als Signal auf die gegnerische Seite schicktest. Ich denke an die vielen guten und langen Gespräche, aus denen ich viel Positives für mein eigenes Leben ziehen durfte. Und ich denke an unser letztes Treffen. Gemeinsam mit Kollege Müller habe ich Dich am 4. Dezember in der Klinik besucht und wir haben es sehr genossen, mit dir – wenn auch getrennt durch eine Glasscheibe – reden zu können. Mit Videobotschaften Deiner vielen Tenniskollegen konnten wir Dich sichtlich erfreuen. Gelächelt hast Du, hast keine Schwäche gezeigt. Und Du hattest viele Fragen. Ich hoffe, da wo Du jetzt bist, ist ganz viel Pink!

Dein Christoph