Ein Sport fürs Leben

Lucas Kurth ist von Geburt an körperbehindert. Er besitzt eine spastische Disparese (Beeinträchtigung von zwei Gliedmaßen). Klagen tut er nicht. Im Gegenteil: „Es gibt schlimmere Fälle“, sagt der 20-Jährige, „da hat es mich vergleichsweise noch gut erwischt!“ Überhaupt strahlt der Oer-Erkenschwicker zu jeder Tages- und Nachtzeit jede Menge Zuversicht und Lebensfreude aus. „Durch seine Behinderung braucht Lucas beim Schreiben ein wenig länger, das gleicht er aber durchs viele Reden wieder aus“, scherzt Christoph Kellermann, langjähriger Bundestrainer in Sachen Rollstuhltennis sowie Entdecker und Trainer von Lucas. Beide verstehen sich blind, was nicht nur an ihren Gemeinsamkeiten liegt. Beide favorisieren sie auf der Tour Roger Federer und beide fiebern sie leidenschaftlich mit dem deutschen Rekordmeister FC Bayern München.

„Tennis ist ein geiler Sport“, sagt Lucas, der beim Spiel mit der gelben Filzkugel Parallelen zum täglichen Leben ausmacht. „Es gibt beim Training Höhen und Tiefen. Wie im Leben auch. Das Schöne ist, dass ich die Lektionen, die ich Woche für Woche im Training in meinem Heimatverein TuS Ickern lerne, auf meinen Alltag daheim und auf die Schule übertragen kann. Das hilft mir sehr.“ Da sind zunächst einmal die charakterlich unterschiedlichen Menschen, mit denen der junge Rollstuhlsportler im Training zu tun hat. „Der eine Trainingskollege ist beispielsweise sehr introvertiert, der andere wiederum extrem extrovertiert. Unterschiedlicher könnten die Personen, die mit mir dem gelben Ball hinterherjagen, nicht sein. Ich selbst gehe ja auch eher aus mir heraus, zeige Emotionen. Positiv wie negativ. Die unterschiedlichen Charakterzüge eines Menschen gilt es besonders im Doppelspiel zu beachten.“

Ähnliches widerfährt dem 20-Jährigen mittlerweile auch in der Schule. Bis man mit dem Nachbarn »warm« wird, dauert es manchmal ein wenig. Man lernt sich kennen, tastet sich ab und nach einer Weile weiß man, ob es Schnittmengen gibt, ob man sich gegebenenfalls ergänzen kann, ob man vielleicht sogar harmoniert. „Ein gutes Doppel kann ich beispielsweise nur dann abliefern, wenn ich Vertrauen zu meinem Partner habe und umgekehrt. Aber ich denke, das geht den Spitzenspielern nicht anders.“ Guten Rat holt sich Lucas Kurth nicht nur bei seinem Coach, sondern auch bei keinen Geringeren als Marc-Kevin Goellner, Andre Begemann und Stephan Medem, allesamt frühere oder amtierende ATP-World-Tourspieler und Botschafter der Ickerner Rollstuhltennis-Initiative »BREAKCHANCE«. Auch von seinem großen Idol Roger Federer hat Lucas schon Tipps bekommen, zum Beispiel wie man sich in kritischen Situationen richtig verhält. „Das war sicherlich das bisherige Highlight in meinem Leben“, schwärmt der kommunikative Twen, der im späteren Berufsleben gern irgendwann einmal medial oder politisch aktiv sein möchte.

„Bevor ich mit den Sport, den ich nun so liebe, begann, wusste ich anfangs nicht, was mich erwarten würde. Sportlich und menschlich. Aber nachdem ich im sportlichen Bereich sehr schnell extrem positive Konturen zeichnete und sich meine anfängliche Skespis rasch in Luft auflöste, habe ich sehr schnell gemerkt, dass sich über den Sport auch wunderbare Freundschaften entwickeln können. Coach und Rollis unternehmen auch abseits der Tennisplätze eine Menge miteinander, pflegen privat ein wunderbares Verhältnis!“ Was der Tennissport dem begeisterungsfähigen Youngster noch mitgibt, sind Willensstärke und der Ansporn an die eigene Person, immer ein Stück besser zu werden. Dieses ständige »Brennen« bescheinigt ihm auch der Trainer: „Lucas versucht immer, jeden Ball zu erreichen, auch wenn die Situation aussichtslos und der Weg zum Ball schier unendlich weit ist“, zollt Christoph Kellermann Respekt.

Diesen Ehrgeiz hat Lucas Kurth auch in der Schule. Der Glaube an sich selbst hilft ihm auch im Freundeskreis, beispielsweise bei der Lösung von Konflikten. Schlussendlich lernt man durch den Sport auch den Umgang mit Niederlagen. „Ich analysiere nach jedem Training meine Leistung. War ich gut? Hätte ich die eine oder andere Sache eventuell besser machen können? Genauso verfahre ich unterdessen in der Schule: Welche Fehler sind mir in der Klausur unterlaufen? In welchen Bereichen muss ich nachlegen, um bessere Noten zu bekommen? Wichtig ist für mich persönlich dabei ein Ratschlag, den mir mein Trainer gleich zu Beginn mit auf den Weg gegeben hat, als er meinte, dass ich aus Fehlschlägen oder Niederlagen immer die richtigen Schlüsse ziehen solle. Daran halte ich mich. Etwas falsch zu machen sei absolut nicht tragisch, sagt er. So lerne man. »Denselben« Fehler aber zwei Mal in Serie zu machen, bedeutet hingegen, wirklich einen Fehler gemacht zu haben. Der Sport kann einem immens helfen. In allen Lebenslagen.“